Kontext: 400 Jahre MM Rathaus

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Das Memminger Rathaus heute
Das Memminger Rathaus heute

Fast in jeder historischen Stadt ist das Rathaus neben den Kultstätten des kirchlich-religiösen Lebens das hervorragendste Bauwerk. Als Spiegelbild der Entwicklung eines Gemeinwesens von einer handwerklich-dörflichen Siedlung bis hin zur Stadt in baulicher und rechtlicher Hinsicht darf es als eigentliches Wahrzeichen einer Stadt angesehen werden. Vor der Mediatisierung Memmingens 1803 zählte das Rathaus neben Sturmglocke, Wappen, Siegel, Münze, dem Besteuerungs- und Satzungsrecht sowie der Stadtbefestigung zu den wesentlichen äußerlichen und symbolischen Zeichen der Reichsstadt.

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Stadtverfassung und Rat

Entstehung und Funktion eines Rathauses sind vor allem durch folgende miteinander verbundene Momente bedingt: a) durch die Bildung eines eigenen, vom Landrecht abgegrenzten Sonderrechtes (Markt- und Stadtrecht) zum Schutz des aufblühenden Handels und Gewerbes, b) durch die Etablierung eines Rates als Vertretungsorgan der "Bürger" im Zuge der Verselbständigung der Stadt gegenüber ihrem Herrn.

Nach der Verschmelzung von Kaufmannssiedlung (beim welfischen Herrschaftssitz) und dörflich-handwerklicher Siedlung erhielt Memmingen im 11. und 12. Jahrhundert unter welfischer Herrschaft ein städtisches Erscheinungsbild mit geschlossener Bebauung und Befestigung. Noch vor 1181 wurde Memmingen staufisches Hausgut, das allmählich mit den Reichs- und Königsbesitzungen verschmolz und schließlich 1268 nach der Hinrichtung des letzten Staufers Konradin endgültig ans Reich fiel. Begünstigt durch Interregnum und gute Verkehrslage gelang es der Stadt in den darauffolgenden Jahrzehnten, sich als eine "Des Heiligen Römischen Reichs Freie Reichsstadt" zu etablieren, ausgestattet mit von Königen und Kaisern bestätigten Privilegien und Rechten. Gleichzeitig hierzu wandelte sich Memmingen von einer stadtherrlichen hin zu einer genossenschaftlich-körperschaftlich verfaßten Stadt mit eigener Rechtspersönlichkeit, deren wichtigste Organe Bürgermeister und Rat waren.

Der Rat war ursprünglich ein beratendes Gremium um den Vertreter des staufischen bzw. königlichen Stadtherrn, den erstmals 1216 erwähnten Stadtamman. Waren anfangs nur (ehemals) staufische Ministeriale und Großkaufleute in ihm vertreten, bestimmten schließlich ab 1347 (Zunftverfassung; bis 1552) alle zünftisch organisierten Gewerbe seine Zusammensetzung. Während das Amt des Stadtammans allmählich unter städtischen Einfluß geriet und damit an Bedeutung verlor, wurden Bürgermeister und Rat zur entscheidenden Instanz der politischen Führung, Verwaltung und Rechtspflege.

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Das Memminger Rathaus bis 1589

Für Versammlungen und Festlichkeiten des Rates sowie für Verwaltung und Organisation der städtischen Belange unter der Leitung des Stadtschreibers bedurfte es bald eines eigenen Hauses, nachdem die Räumlichkeiten im städtischen Kaufhaus (mit Verkaufsläden und Herbergsräumen; heute Steuerhaus) hierfür nicht mehr ausreichend Platz boten.

Erstmals erwähnt werden eine kleine und eine große Ratsstube in den Jahren 1394 bzw. 1400 (Exponate 1 und 2) an der Stelle des heutigen Rathauses, wo übrigens - wenn man dem Chronisten Wintergerst Glauben schenken darf - um 750 ein Diakon namens Martin von der damals noch heidnischen Bevölkerung hingerichtet wurde. 1488 wird eine "neue Stube auf der oberen Lauben" des Rathauses errrichtet (Exponat 3). Weitere Nachrichten über bauliche Gestalt und Aussehen dieses ersten Rathauses sind uns leider nicht überliefert. Das Erdgeschoß des alten Rathauses könnte jedoch in der heutigen Rathaushalle (damals wohl mit einer hölzernen Balkendecke) gesehen werden. Im Innern des Rathauses befanden sich Ratsstuben mit Tischen, Bänken und der Ratstruhe (für Stadtsiegel und kgl. Privilegien) sowie Räume für Verwaltung und Gewerbeaufsicht ("Schau"). Von der Laube herab wurden die Beschlüsse des Rates der Stadtbevölkerung verkündet.

Eine gewisse Einschränkung seiner zentralen Stellung erfuhr das Rathaus durch die schon im 15. Jahrhundert einsetzende Dezentralisierung der Verwaltung (Kanzlei und Archiv im Brothaus, heute Landratsamt; Finanzverwaltung im Steuerhaus) sowie durch die Einrichtung der "Bürgerzeche" als Trinkstube, Versammlungs- und Repräsentationsort der in der Großzunft vereinigten Patriziergeschlechter.

Im Jahre 1565 wurde - nach Verkürzungen des Steuerhauses um ein (1522) und weitere zwei Joche (1565) - ein steinerner Brunnen ("Röhrkasten") zwischen Steuerhaus und Großzunft errichtet, jedoch erst nachdem ein städtischer Gesandter die Brunnen der Reichsstadt Ulm besichtigt hatte (Exponat 4). 1688 wurde dieser Brunnen nach mehrmaligen Reparaturen von Grund auf erneuert.

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Neubau des Rathauses 1589

Der eigentliche Grund für die Verkürzungen des Steuerhauses dürften jedoch nicht der Brunnen, sondern Pläne für ein neues Rathaus gewesen sein. Doch erst 1589 konnte mit dem Neubau begonnen werden. Ergebnis der vermutlich mehrjährigen und sehr kostspieligen (30.000 Gulden) Arbeiten war der großartige Giebelbau mit dem riesigen Dachstuhl, wie er in seiner Grundsubstanz noch heute zu sehen ist (Exponate 6 und 7). Gegliedert durch drei Erker mit achteckigen Türmchen und kupfernen Hauben im Stil der Renaissance bildet das Rathaus seither den (nicht nur politischen) Mittelpunkt im städtebaulich so eindrucksvollen Ensemble mit Großzunft (1718 neu errichtet), Steuerhaus (1496 erbaut, 1708 aufgestockt) und Bürgerhäusern am Marktplatz sowie St. Martin, St. Johann und der Kreuzherrrnkirche im Hintergrund. Durch die Verbauung der bisher vorhandenen Gasse zwischen dem alten Rathaus und dem Augustinerkloster (heute Pfarrkirche St. Johann) bedurfte es auch einer Neuregelung des Traufrechts. Mit dem Vertrag vom 1. September 1589 (Exponat 5) einigten sich Reichsstadt und Augustinerkloster auf eine völlig separate Ableitung des Regenwassers, ohne hierbei nachbarliches Eigentum (z. B. die neue Rathausmauer) zu beschädigen. Gegen Abtretung eines Teils des Klostergartens übernahm die Reichsstadt die gesamten Kosten für den Bau und Unterhalt einer neuen Mauer zwischen Steuerhaus und Rathaus.

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Renovierung und Modernisierung des Rathauses 1764/65

Zwischen dem 2. April 1764 und dem 22. Juni 1765 wurde das Rathaus durch die beiden Maurermeister Johann Georg Knoll und Jakob Mitteregger renoviert und nach deren Entwürfen mit einer neuen Fassade im Rokokostil versehen (geschweifter Giebel, Fensterbedachungen, Stuckverzierungen; Exponate 8 und 9). In den Oberlichtgittern wurden die Wappen der damaligen Mitglieder des Geheimen Rates angebracht (Schütz, Wachter, Zoller, Stebenhaber, Küner).

Knoll: geboren 1735 in Memmingen als Sohn des gleichnamigen Maurermeisters und seiner Frau Juditha Rietmayerin; seit 1759 mit Anna Veronika Brecheisen verheiratet; ab 1764 zusammen mit Jakob Mitteregger Betreiber der städtischen Ziegelhütte in Memmingerberg; 1788-1791 Mitglied des Großen Rates; Erbauer des "Hasen" (Obere Bachgasse 12, 1782); gestorben 1802 an "Entkräftung" in Memmingen; Ölbild im Städt. Museum;

Mitteregger: geboren 1734 in Memmingen als Sohn der 1732 aus Salzburg emigrierten Eheleute Joseph Mitteregger und Margareta, geb. Sewerin; verheiratet mit Clara Mercklin; ab 1764 zusammen mit Johann Georg Knoll Betreiber der städtischen Ziegelhütte in Memmingerberg; gestorben 1809 an "Alterskrankheit" in Memmingen.

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Das Rathaus im 19. und 20. Jahrhundert

Nach der Mediatisierung der Reichsstadt im Jahre 1803 zogen vorübergehend bayerische Staatsbehörden (u. a. das Appellationsgericht) ins Rathaus ein, ehe es nach der Wiederherstellung der kommunalen Selbstverwaltung 1818 wieder ausschließlich der Stadt als Versammlungsstätte des Rates und Verwaltungsgebäude diente.

Der 1688 neu errichtete Rathausbrunnen wurde 1847 wegen Ruinosität entfernt, die Herstellung eines neuen Brunnens jedoch wegen der beschränkten Mittel der Stadtkasse auf bessere Zeiten verschoben. Ein 1870 vor dem Steuerhaus aufgestellter, gußeisener Springbrunnen mit Marmorschale und einem auf einem Schwan reitenden Jungen wurde bereits 1872 wieder entfernt.

Rathaussaal
Rathaussaal

1878 erfolgte eine Erneuerung der Rathausfassade und knapp 30 Jahre später (1906-1908) eine umfassende Innenrenovierung und Umgestaltung im Stil des Neubarock unter der Leitung des Münchner Architekten Prof. Franz Zell (Einwölbung der Rathaushalle, neues Treppenhaus, Umgestaltung der Sitzungssäle und Bürgermeisterzimmer). Weitergehende Pläne zu einer künstlerischen Ausgestaltung des Rathauses, d. h. Ausmalung der Sitzungssäle für Magistrat und Gemeindebevollmächtigte (nach Entwürfen der Münchner Professoren Gabriel von Seidl und Widmann) wurden wegen Weltkrieg und Inflation nicht mehr verwirklicht (Exponat 10). In den Jahren 1960 und 1961 wurde das Rathaus erneut renoviert und modernen Verwaltungsbedingungen angepaßt. 1984 schließlich erhielt die Fassade ihre heutige farbige Gestaltung.

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Exponate:

  1. Erste Erwähnung einer kleinen Ratsstube, 1394 X 12, Bayer. Hauptstaatsarchiv, KU Ottobeuren 85
  2. Erste Erwähnung einer großen Ratsstube, 1400 II 25, Bayer. Hauptstaatsarchiv, HU Augsburg 577
  3. Errichtung einer neuen Stube auf der oberen Laube des Rathauses, 1488, Wiss. Stadtbibliothek Memmingen, Chronik des Heinrich Löhlin
  4. Beschluß über die Errichtung eines steinernen "Röhrkastens" auf dem Marktplatz, 1564 I 21, Stadtarchiv Memmingen, A Ratsprokolle 1563/64, fol. 55 und 55v
  5. Vergleich zwischen Reichsstadt und Augustinerkloster wegen des neuerbauten Rathauses, 1589 IX 1, Stadtarchiv Memmingen, A 364/1; 3 Siegel an Pergamentpresseln: S1=Reichsstadt (in Holzkapsel), S2 = Prior (in Bleikapsel), S3 = Konvent (in Bleikapsel)
  6. Bau eines neuen Rathauses, 1589, Wiss. Stadtbibliothek Memmingen, Chronik der Tobias Büchele
  7. Löhne für Maurer, Taglöhner und Karrenführer, 1589 IV 28, Stadtarchiv Memmingen, A Ratsprotokolle 1587/90 fol. 92
  8. Ausgaben für die Rathausrenovierung, 1764, Stadtarchiv Memmingen, A Ausgaben-Rechnung 1764, fol. 94v und 95
  9. Johann Georg Knoll und Jakob Mitteregger (Bestandsrevers um den Ziegelstadel zu Memmingerberg), 1784 IV 17, Stadtarchiv Memmingen, A 285/6
  10. Pläne zur künstlerischen Ausgestaltung der Sitzungssäle für Magistrat und Gemeindebevollmächtigte (von Prof. Widmann in Verb. mit dem Maler Schwemmer), 1914, Stadtarchiv Memmingen B EAPl 621 (2 Aquarellzeichnungen)