Stadt Memmingen:Bäuerliches Aufbegehren 1525 und die Reichsstadt Memmingen

Bäuerliches Aufbegehren 1525 und die Reichsstadt Memmingen

Die nachfolgende Webseite präsentiert Quellen zur Geschichte der Zwölf Artikel und des Bauernkrieges mit Fokus auf die Reichsstadt Memmingen und ihren Einflussbereich. Parallel verlaufende historische Prozesse wie die Reform des Kirchenwesens in der Reichsstadt werden hierbei zusammen mit dem Bauernaufstand in eine chronologische Abfolge gebracht. Quellen zu den Ereignissen von 1525 finden sich in verschiedenen Archiven und Bibliotheken - vom Landesarchiv Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) über diverse Staats-, Kirchen- und Adelsbibliotheken bis hin zum Stadtarchiv Memmingen. Sofern Digitalisate online zugänglich sind, finden sich an den jeweiligen Stellen entsprechende Verknüpfungen und weiterführende Hinweise.

Wenige Jahre nach seiner Berufung zum Prediger bei St. Martin (1513) hatte Christoph Schappeler begonnen lutherisch zu predigen. "Hat ein freventliche Predigt gethan", notierte Stadtschreiber Ludwig Vogelmann ins Protokoll. Die Predigten sorgten für große Aufmerksamkeit und Zuspruch in Memmingen und Umgebung. Zu Weihnachten 1524 war es schließlich zu Unser Frauen mit dem dortigen Pfarrer, dem Kreuzherrnpater Jakob Megerich, zu gewaltsamen Tumulten gekommen, weil Mitglieder der Gemeinde - motiviert  durch Schappelers Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt wenige Wochen zuvor in Sankt Martin – eine ebensolche Feier einforderten. Hierauf lud der Rat alle Geistlichen der Reichsstadt zu einem Religionsgespräch ein.

Ab dem 2. Januar 1525 wird über sieben Artikel Schappelers diskutiert (Ohrenbeichte, Marienverehrung, Zehnt, Messfeier, Fegefeuer, Abendmahl in beiderlei Gestalt, allgemeines Priestertum). Jakob Megerich verweist auf die Zuständigkeit eines Konzils. Abschließend verfasst Schappeler 23 Artikel; ein Teil wird zur Begutachtung an die Prediger Conrad Sam (Ulm) und Dr. Urbanus Rhegius (Augsburg) gesandt.

Protokoll des Religionsgespräches (ediert von Thomas Pfundner in den Memminger Geschichtsblättern 1991/92)

Artikel Christoph Schappelers zur Disputation (ediert bei Pfundner, Sontheimer, Miedel und Blickle)

Seit 1523 hatte der aus Horb (österreichische Grafschaft Hohenberg) gebürtige Laienprediger Sebastian Lotzer in Flugschriften Sympathien für die Lehren Martin Luthers bekundet, verbunden mit einer Kritik an den Missständen in Kirche und Gesellschaft. Als sich 1524 die wirtschaftliche Situation verschlechtert, kommt es - animiert durch die Predigten Christoph Schappelers zu Sankt Martin - zu ersten Zehntverweigerungen. Auf den Tumult zu Weihnachten in Unser Frauen antwortet Lotzer mit seiner fünften Flugschrift „Entschuldigung einer frommen, christlichen Gemeinde zu Memmingen mitsamt ihrem Bischof und treuen Boten des Herrn allda Christoph Schappeler von wegen der Empörung, so sich bei uns begeben“. Mit dem Hinweis auf die Vertreibung der Händler aus dem Tempel gibt er der aufgebrachten Menge eine Rechtfertigung an die Hand und macht sich zu ihrem Anwalt. Nicht die Heilige Schrift, sondern die Willkür der Herrschaften seien die Ursache für Gewalt und Bedrückung.

Am 15. Februar 1525 kommen im Rat die Beschwerden der Steinheimer Bauern zur Sprache. "Man sey nit schuldig, den zechenden zu geben bey einer todsind" wurde der Prediger bei St. Martin, Christoph Schappeler" schon Wochen zuvor zitiert. Stadtschreiber Ludwig Vogelmann schreibt dazu ins Protokoll: "Die von Stainhaim haben begert, mit irem pfarrer zu verschaffen, inen das wort gotz wie hinnen zu predigen, vnd das er in das sacrament in baiderlai gestalt reichen wel." Auch verlangen sie vom Rat als Verwalter des Spitals, dem die Bauern als Leibeigene und Grundholden zugehören, dass man ihnen "ain pletzen holtz eyngeb." Am folgenden Tag bitten die Legauer Bauern den Rat um Beistand in ihrem Rechtsstreit gegen den Fürstabt von Kempten Sebastian von Breitenstein, der seit geraumer Zeit versucht, aus Freien Zinser und aus Zinsern Leigeigene zu machen.

Am 23. Februar fordert der Rat seine und des Spitals Bauern auf, aus jedem Dorf vierköpfige Ausschüsse zu bilden, die bereits am folgenden Tag gemeinsam zusammentreten. In 10 Artikeln fasst Sebastian Lotzer die Beschwerden und Forderungen aus der Memminger Landschaft (verteilt auf 27 Dörfer) zusammen. Sie stimmen fast wörtlich mit den späteren 12 Artikeln der oberschwäbischen Bauern überein:

  1. Predigt des reinen Wortes Gottes
  2. Abschaffung des Zehnten
  3. Aufhebung der Leibeigenschaft
  4. Freigabe von Jagd und Fischerei
  5. Bemessung der Frondienste
  6. Aufhebung des Ehrschatzes
  7. Verminderung der Bußzahlungen
  8. Rückgabe ehemaligen Gemeindelandes
  9. Freier Verkauf landwirtschaftlicher Produkte und Verringerung von Abgaben bei Missernten
  10. Ermäßigung der Gültabgaben

Auf einem Feld unweit der Reichsstadt Ulm kommt es am 27. Februar zu einer ersten Begegnung der dort versammelten Bauern (unter Führung Huldrich Schmids von Sulmingen) mit Gesandten des in Ulm versammelten Schwäbischen Bundes. Wenig später - wohl zwischen dem 28. Februar und dem 3. März - fasst Sebastian Lotzer, Schreiber des Baltringer Haufens und Memminger Bürger, die zahlreichen Beschwerden und Forderungen der oberschwäbischen Bauern zu 12 Artikeln zusammen:

"Dye Grundtlichen vnd rechten haupt Artickel, aller Bauerschafft vnnd Hyndersessen der Gaistlichen vnd Weltlichen oberkayten von woelchen sy sich beschwert vermainen."

Dieses Konzentrat des bäuerlichen Aufbegehrens wird in kurzer Zeit in 25 Auflagen an 15 verschiedenen Druckorten (fast ausschließlich in den schwäbichen, fränkischen und thüringischen Aufstandsgebiet des Bauernkrieges) nachgedruckt, zu einem beispiellosen Manifest des Aufstandes und bisweilen auch zur Grundlage von Einigungen zwischen Obrigkeit und Untertanen.

Drucke der Zwölf Bauernartikel (Auswahl aus VD 16)

Kurzinhalt

  1. Jede Gemeinde hat ein Recht zu Wahl und Absetzung ihres Pfarrers.
  2. Der Kleinzehnt solle aufgehoben, der Großzehnt für Geistliche, Arme und Landesver-teidigung verwendet werden.
  3. Die Leibeigenschaft solle aufgehoben werden
  4. Jagd und Fischerei sollen frei sein. Falls Verkäufe vertraglich belegt werden können, sollen einvernehmliche Regelungen zwischen Gemeinde und Rechtsinhabern angestrebt werden.
  5. Wälder und Forsten sollen in Gemeindehand zurückgegeben werden. Sollten Verträge bestehen, werden gütliche Vereinbarungen mit den Forstinhabern angestrebt.
  6. Die Frondienst sollen auf ein erträgliches Maß reduziert werden, orientiert an Herkom-men und Evangelium.
  7. Außervertragliche Frondienste sind nicht zugelassen sein, es sei denn gegen eine angemessene Vergütung.
  8. Die Abgaben der Bauern sollen durch „ehrbare Leute“ neu eingeschätzt werden.
  9. Die Strafmaße für schwere Vergehen sollen neu festgesetzt werden, orientiert an älteren Gerichtsordnungen.
  10. Ehemalige Gemeindewiesen und –äcker sollen zurückgegeben werden, es sei denn, dass Kaufverträge vorgelegt werden können.
  11. Der Zahlung des Todfalles belastet die Erben ungebührlich und wird deswegen zu-künftig verweigert.
  12. Alle Forderungen ergeben sich aus dem Wort Gottes. Sollten sie sich durch die Schrift als unberechtigt erweisen, sollen sie hinfällig sein.

Am 6. März kommen Bauernvertreter aus allen Teilen Oberschwabens in der Memminger Kramerzunftstube zusammen. Im Seehaufen haben sich die im Umfeld des Bodensees lebenden Bauern organisiert. Die Bauern aus dem Allgäu und dem Stift Kempten hatten sich bereits am 14. Februar in Sonthofen verbündet, am 24. Februar in Oberdorf ihr Bündnis unter Eid bekräftigt und sich am 27. Februar in Leubas unter Jörg Schmid von Leubas zur „Christlichen Vereinigung der Landart Allgäu“ vereinigt. Am 1. März (Aschermittwoch) plünderten sie das Kloster Kempten geplündert; der Abt war zuvor auf seine Burg Liebenthann bei Obergünzburg geflohen. Die Bauern aus verschiedenen Regionen nördlich des Allgäus schließlich waren ihrem Treffen an Weihnachten 1524 oder am Fasnachtsmontag vor dem Aschermittwoch (1. März) im Dorf Baltringen, das zur Reichsstadt Ulm gehörte, miteinander verbündet – unter Führung Ulrich Schmids, des Schmieds von Sulmingen. Zu ihnen gehörten auch Bauern aus Ottobeuren, Wolfertschwenden, Niederrieden, Sontheim und Heimertingen.

Teilnehmerverzeichnis (Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart)

Teilnahmerverzeichnis (Edition bei Cornelius)

Auf der Tagesordnung steht das weitere Vorgehen gegen ihre Herrschaften und eine gemeinsame Verhandlungsposition gegenüber dem Schwäbischen Bund, dessen Vertreter in Ulm versammelt waren. Es darf angenommen werden, dass Sebastian Lotzer als Schreiber der Baltringer Bauern zugegen war, auch wenn sein Name im erhaltenen Teilnehmerverzeichnis nicht enthalten ist.

Kesslers Sabbata (Handschrift in der Vadiana, Sankt Gallen)

Kesslers Sabbata (Edition, S. 321 ff.)

Am 7. März 1525 wird die Memminger Kramerzunftstube zum Ort eines historischen Ereignisses: Die dort versammelten Bauernvertreter schließen sich zur „Christlichen Vereinigung“ zusammen und geben ihrem Bündnis mit einer Bundesordnung Struktur und Stabilität. Nach einer weiteren Versammlung (wohl am 15. März in Memmingen) wird die Bundesordnung am 19. März samt einer Liste von Richtern zum Schwäbischen Bund nach Ulm geschickt. Es folgen Verhandlungen, die am 25. März zu einem Waffenstillstand führten, der bis zum 2. April gelten solle. Da aber die Bauern die Annahme eines vom Schwäbischen Bund ausgehandelten Vorschlages letztlich ablehnen, bleiben die Verhandlungen erfolglos.

Bundesordnung (Bayerische Staatsbibliothek)

Ausgaben der Bundesordnung (VD 16)

Landesordnung und Teilnahmerverzeichnis (Edition von Cornelius)

Den Verlauf der Sitzung hat Johannes Kessler in seiner Chronik von Sankt Gallen, wohin Sebastian Lotzer und Christoph Schappeler flohen, beschrieben. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Baltringer Haufen unter der Führung des Ulrich Schmid, die zu gewaltfreien Aktionen aufrufen, und den Bauern vom Bodensee und aus dem Allgäu, die „vermeintend kain bessers, dann nun dapfer mit dem schert hindurch tringen“. Schließlich geben sich die Bauern trotz dieser grundlegenden Meinungsverschiedenheiten eine Regimentsordnung, verpflichten sich untereinander zu Frieden und Ordnung und stellen Zutrinken, Spielen und Fluchen unter Strafe. Geistliche sollen künftig das Evangelium verkünden, aber keine Messe mehr lesen.

Kesslers Sabbata (Handschrift in der Vadiana, Sankt Gallen)

Kesslers Sabbata (Edition, S. 321 ff.)

Die Reichsstadt Memmingen lädt am 27. März die „obern [oberdeutschen/oberschwäbischen] Städte“ zu einem Städtetag nach Memmingen ein. Es erscheinen schließlich Vertreter aus Biberach, Kempten, Kaufbeuren, Wangen, Isny, Leutkirch, Pfullendorf, Memmingen. Schriftlich äußern sich Überlingen und Ravensburg. Den Memminger Bauern verspricht der Rat nach Abschluss der Verhandlungen Bescheid zu geben.

In einer ersten Flugschrift bezieht Martin Luther Stellung zu den Zwölf Artikeln der oberschwäbischen Bauern. Er warnt die Obrigkeiten vor Missbrauch ihrer Herrschaft und zeigt Verständnis für einige Forderungen der Bauern. Das Evangelium seit allerdings nicht Rechtsgrundlage einer neuen Gesellschaftsordnung.

Flugschrift Martin Luthers (Bayerische Staatsbibliothek)

Während die Bauernvertreter in einer dritten Versammlung in Memmingen ihr Vorgehen besprechen, ist die „Revolution des gemeinen Mannes“ in Schwaben, Franken, Tirol und im Elsass bereits im Gange. Im Umfeld Memmingens lagern zahlreiche Bauern und versorgen sich mit Nahrungsmitteln, aber auch mit Waffen. So mancher Bürger sympathisiert mit den Anliegen der Bauern. Als auch schwere Geschütze geliefert werden sollen, äußert der Rat sein Befremden. Bauernhaufen plündern die Klöster Ottobeuren, Roggenburg, Ochsenhausen, Schussenried, Zwiefalten und viele andere Orte – die zahlreichen Burgen der Ritter miteingeschlossen. In der Schlacht bei Leipheim erleidet der Allgäuer Bauernhaufen am 4. April hohe Verluste; anschließend werden viele umliegende Dörfer vom Heer des Schwäbischen Bundes unter dem Kommando des Feldhauptmannes Jörg Truchsess von Waldburg geplündert. Am 8. April versuchen Baltringer und Grönenbacher Haufen vergeblich, die Reichsstadt Memmingen zu überrumpeln. Am 10./11. April übergibt der Kempter Abt seine Burg Liebenthann an den Knopf von Leubas. Der Allgäuer Haufen zieht weiter zum Stift Kempten (später nach Füssen und in Richtung Leutkirch und Isny), vereinigt sich mit dem Ottobeurer Haufen, um Burgen im bayerischen Schwaben zu plündern. Das Herzogtum Bayern reagiert unter anderem mit der Zerstörung Buchloes; das frundsbergische Mindelheim widersteht den Bauern. Am 12. April nimmt das Heer des Schwäbischen Bundes Baltringen ein und zieht nun schnell weiter nach Süden gegen die Allgäuer und Seebauern; es soll verhindert werden, dass diese sich ins Gebirge zurückziehen.

Nach der Schlacht bei Wurzach verzichtet Jörg von Waldburg auf Hinrichtungen, besteht aber auf einem Verbot des Waffentragens. Viele Überlebende ziehen sich nach Weingarten zurück, wo am Ostermontag mit dem Schwäbischen Bund ein Vertrag geschlossen wird. Er regelt für die Seehaufen und den Unterallgäuer Haufen die Wiederherstellung der Ordnung und die Rückgabe geraubten Gutes. Einige Haufen übergeben dem Truchsessen Geiseln. Für den 19. April ist vorgesehen, die Vertragsinhalte auch mit den Augsburger und Kempter Bauern sowie denen der Herrschaften Trauchburg und Grönenbach zu verhandeln. Die Seebauern nehmen den Vertrag an, auch die Oberallgäuer, schließlich auch die Bauern zwischen Lech und Wertach. Der Knopf von Leubas kann jedoch seine Gefolgsleute davon überzeugen, dass mit einer Beseitigung der bäuerlichen Beschwerden nicht zu rechnen sei.

Vertrag zu Weingarten (mit Vorrede/Vermahnung Martin Luthers, Landesbibliothek Coburg)

Am Ostersonntag, 16. April 1525, kommt es zur sog. "Weinsberger Bluttat". Wenige Tage später ist das Ereignis überregional bekannt - auch in Memmingen und Wittenberg. Martin Luther wirft den Bauern in seiner Flugschrift "Wider die mordischen und reubischen Rotten der Bawren" einen Bruch ihres Gehorsamseides, Mord und Raub sowie Missbrauch des Wortes Gottes vor und ermuntert die von Gott eingesetzten Obrigkeiten, ihre Untertanen zu bestrafen. Mit einem "Sendebrieff von dem harten buchlin widder die bauren" wehrt sich Luther einige Zeit später gegen den Verwurf der Unbarmherzigkeit.

Eintrag zur "Weinsberger Bluttat" in einer Memminger Chronik (Stadtarchiv Memmingen): „Es ist auch graff Ludwig von Helffenstein von den auffrüerischen Bauren durch die Spies geiagt worden vnd sampt anderen von jnen ermordt, sein gemahel war den Bauren zue fues gefallen vnd hat jer kleines Sönlein in den Armen getragen vnd flehenlich für jeren heren gebetten, aber sie kundt nichts erhalten.“

Flugschrift Martin Luthers "Wider die mordischen Rotten" (Bayerische Staatsbibliothek)

Als ein falscher Alarm, Georg Truchsäss von Waldburg sei dem Truppen des Schwäbischen Bundes nach Memmingen unterwegs, und ein von Bauern aufgefangener Brief des Rates nach Mindelheim für Aufregung und Unruhe sorgt, bittet Lateinschulmeister Paul Höpp den Rat um Verzicht auf Repressalien. Nach den Ratswahlen am 1. Mai wiederholt Höpp sein Anliegen und fordert gegenseitigen Gewaltverzicht beim Rat wie auch bei den mit den bäuerlichen Anliegen sympathisierenden Bürgern. Im Rat sorgte Höpps Eingabe für "groß erschrecken und mißfallen." Der Rat verstärkt seine Sicherheitsvorkehrungen, um zu verhindern, dass bewaffnete Bauern in die Stadt gelangen.

Auf Bitten des Kurfürsten Ludwig von Pfalz (am 18. Mai 1525) verfasst Philipp Melanchthon ein Gutachten gegen die Forderungen der Bauernschaft; es geht nach Luthers Stellungnahmen in Druck. Melanchthon befasst sich eingehend mit allen Artikeln und fordert letztlich Gehorsam gegenüber der Obrigkeit "obschon auch Fursten ubel tuen". Mit ihrem Aufruhr handeln die Bauern - so Melanchthon - "offentlich widder Gott, das man greifen mag, das sie der Teufel treibt."

Flugschrift Philipp Melanchthons  (Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt)

Der Allgäuer Haufen sieht sich nicht an den Weingartner Vertrag gebunden und zieht gegen das Herzogtum Bayern. Als Verhandlungen von 47 Vertretern des oberen und niederen Allgäu (u.a. von Heimertingen und Babenhausen) mit Vertretern des österreichischen Erzherzogs in Füssen (u.a. wegen Meinungsverschiedenheiten zum Geltungsbereich des Füssener Vorvertrages) scheitern, bittet der Memminger Rat Mitte Mai den Schwäbischen Bund um militärischen Schutz.

Am 9. Juni rücken Truppen des Schwäbischen Bundes unter dem Kommando von Diepold von Stein, Eitelhans Sigmund von Berg und Linhard von Gundelsheim in Memmingen mit 200 Reisigen und 700 Knechten ein. Christoph Schappeler und weitere 40 Bürger (darunter Sebastian Lotzer) können gerade noch rechtzeitig aus der Stadt fliehen.

Zwei Tage nach dem Einmarsch der Truppen des Schwäbischen Bundes werden am 11. Juni wurden drei Personen auf dem Marktplatz hingerichtet:

  • Paul Hoepp, Lateinschulmeister,
  • Adam Bechtinger, Maurermeister,
  • Hans Lutz, Gastwirt.

Zwei weitere Hinrichtungen fanden am 4. Juli statt:

  • Georg Lamprecht, Barbier,
  • Georg Teufel.

 

 

Die Situation spitzt sich zu, als wohl 20.000 Bauern am 12. Juni die Reichsstadt Memmingen einschließen. Die Bauern – unter ihnen Legauer, Altusrieder, Grönenbacher Haufen und Haufen auf der Wurzacher Heide - lagern in Amendingen, Benningen und Berkheim. Der Schwäbische Bund erteilt Jörg Truchsess – mittlerweile mit seinen Truppen im Fränkischen - am 17. Juni den Befehl, gegen die Bauern zu ziehen. Die Begründung: Die Reichsstadt Memmingen – ein Mitglied des Bundes – werde belagert und Memmingens Räte in einen Spießrutenlauf gezwungen. Am 29. Juni befiehlt der Schwäbische Bund der Stadt Memmingen, sich mit Nahrungsmitteln, Pulver und Blei zu versorgen und alles Hab und Gut von Feinden und Flüchtlingen zu beschlagnahmen. Währenddessen erreicht Jörg von Waldburg mit wohl 6000 Knechten und 1500 Reisigen die Mündung der Günz in die Don

Auszug aus der Kimpel-Chronik Dazu der Chronist und Stadttürmer Kimpel: „Vnd als sie mitlereweyl ein grosser Hauff aufrüerischer bauern umb die Stat versamlett, haben sie die Stat zum Sturm belegert, vnd etliche Wägen mit Laytteren zuo Hauff gefiert, vnd die Stat bey nacht ersteygen wellen vnd sie verlauten lassen, dass sie das Thuoch in gwandt läden mit langen Spiessen ausmessen wellen. Sie haben auch die spitaller wägen angefallen, welche auf die Millin wellen fahren, die fuorknecht nidergeschlagen vnd die Pferdt sampt den wägen hingefüert welches man auff dem Thurm gesehen, derwegen lermen gemacht, vnd sein vnsere reiter sampt hundert guotter schizen vnder die bauren hinaus gefallen vnd vill erschlagen, vnd inen die pferdt sampt den wägen widerumb genomen, es sein auch vill der bauren gefangen worden, die man hernach mit dem schwert gericht. In dem weyl sie in der belegerung dert Stat verharen, kompt herr Jörg Truchsess von waltburg oberster veldhaubtman mit Schwäbischen Bund, da fliehen die bauren vnd werden mier der Belegerung entlediget.“

Am 9. Juli wird Kettershausen geplündert, danach zahlreiche weitere Orte (Untereichen, Illereichen, Kellmünz, am 11. Juli Heimertingen). Ziel Jörg von Waldburgs ist eine Vereinigung mit den 3000 Knechten des Jörg von Frundsberg bei Woringen. Die aufständischen Bauern ziehen sich bis nach Wolfertschwenden zurück, um sich dort mit dem Allgäuer Haufen zu vereinigen. Am 13. Juli zieht Jörg Truchsess von Waldburg mit seinen Reitern und Landknechten über Grönenbach und Wolfertschwenden nach Schrattenbach, wo ein Scharmützel mit 3000 Bauern stattfindet. Bei Leubas können die vereinigten Heere von Jörg von Waldburg und Jörg von Frundsberg das bäuerliche Heer schlagen. Um weiteres Blutvergießen zu verhindern, fliehen viele nach Süden, müssen sich aber schließlich bei Sulzberg dem Schwäbischen Bund ergeben und ihren Herrschaften huldigen. Am 17. Juli werden 18 Rädelsführer in Durach hingerichtet; am 21. Juli die Landsknechte des Bundesheeres entlassen.

Auszug aus der sog. „Mundartchronik“ (Stadtarchiv Memmingen): "Anno Domini 1525 in der Bauren Aufrur ist D. Christopfel Stapher Pfarer zu Memingen in Verdacht komen, das er in die selbige Gegend der Bauren Aufruor eregt, derwegen wir solche sein Unschuld der Burgerschaff zu Memingen bewuost, haben sie in ein Frieling, als die Bundsgenosen alda ettlich Aufrierische suchen lasen, in sein Vatterland Sant Gallen verschickh, und als sich mitlerweil ein großer Haufen Bauren versamlet, und die Statt Memingen zum Sturm belegert, jetz Herr Jerg Druchses von Waldburg Feldhabtman ain dem schwebischen Bundt der Statt zuenterung komen, die Bauren in Aumerdinger Feld veriagt unnd geschlagen. Als er in 7 in der Statt kepfen lasen und fielen anderen, so entronnen, irer gietter einziehen lassen, ist der den 13 Jule auß dem Leger bey Memingen aufgebrochen mit ettlichen Raisigen, den Bauren gen Schrattenbach nach geeilet unnd sie veriagt. etc."

Auszug aus der Kimpel-Chronik (Stadtarchiv Memmingen): „Darnach als er den 13. Julii aus dem Lager vor Memingen mit etlich Raissigen den Bauren gehen Schratenbach nacheillet, hat er sie alda vbel geschlagen vnd verjagtt. Es haben auch die von Memingen durch jere gesanten in dem Baurenkrieg neben anderen vill vnd heftig gehandlet zu Vlm vnd beym Bundt, darmit dise auffruehr mechs gestilt werden. Sie haben auch ein starckhe Besatzung in der Stat gehabtt, als 200 Reitter vnd ein fahnen Fuosknecht etc.“

Zur Chronik der Ereignisse im Allgäu siehe auch
Geschichte des Allgäus (von Franz Ludwig Baumann, Digitalisat der Bayerischen Staatbibliothek)

So manche Herrschaft verhandelt mit den Bauern. Der Fürstabt von Kempten, Sebastian von Breitenstein, schließt zu Memmingen am 8. Januar 1526 einen Vertrag mit seinen Untertanen (u.a. von Grönenbach). Die Herrschaftsrechte werden bestätigt, so manche Willkür durch die Fixierung von Abgaben und Gebühren verringert.

Quelleneditionen

  • Baumann, Franz Ludwig (Hg.): Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart 129), Tübingen 1976, Nachdruck Aalen 1968, Hildesheim; New York 1975
  • Baumann, Franz Ludwig: Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges aus Oberschwaben, Freiburg im Breisgau 1877
  • Cornelius, Carl, Adolf: Studien zur Geschichte des Bauernkriegs 1525, München 1861
  • Franz, Günther: Der deutsche Bauernkrieg. Aktenband, München/Berlin 1936, Nachdruck Darmstadt 1968, zuletzt Darmstadt 1977
  • Franz, Günther (Hg.): Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges aus Oberschwaben, Freiburg/Brsg. 1877
  • Franz, Günther: Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges (Ausgewählte Quellen zur Geschichte der Neuzeit. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 2), Darmstadt 1963
  • Cornelius, Carl Adolf: Studien zur Geschichte des Bauernkriegs (Abhandlungen der k. bayer. Akademie der Wissenschaften), München 1861
  • Lenk, Werner (Hg.): Dokumente aus dem deutschen Bauernkrieg: Beschwerden, Programme, theoretische Schriften, Frankfurt am Main 1980

Ausstellungskataloge (Auswahl):

  • Bauernkrieg 1525. Dokumente – Berichte – Flugschriften – Bilder, bearb. von Hans-Martin Maurer. Katalog zur Ausstellung des Hauptstaatsarchivs Stuttgart und des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins 1975 in Stuttgart, 2. Aufl., 1975
  • Jahn, Wolfgang / Kirmeier, Josef / Berger, Thomas/ Brockhoff, Evamaria (Hg.): „Geld und Glaube“. Leben in evangelischen Reichsstädten. Katalog zur Landesausstellung 1998 in Memmingen (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bd. 37), Augsburg 1998
  • Jahn, Wolfgang / Kirmeier, Josef / Petz, Wolfgang / Brockhoff, Evamaria (Hg.): „Bürgerfleiß und Fürstenglanz“. Reichsstadt und Fürstabtei Kempten. Katalog zur Landesausstellung 1998 in Kempten (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bd. 38), Augsburg 1998
  • Wolf, Peter / Brockhoff, Evamaria / Fiederer, Fabian / Franz, Alexandra / Groth, Constantin (Hg.): Ritter, Bauern, Lutheraner. Katalog zur Landesausstellung 2017 in Coburg (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bd. 66), Augsburg 2017
  • Rückert, Peter unter Mitarb. Von Alma-Mara Brandenburg und Eva-Linda Müller (Hg.): Reformation in Württemberg. Freiheit – Wahrheit – Evangelium, Katalog und Aufsätze zur Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg zum Reformationsjubiläum 2017, 2 Bde., Ostfildern 2017

 Monographien und Zeitschriftenbeiträge zur Geschichte von Aufstand und Krieg